Caritas-Mitarbeiter über die Herausforderungen in der Flüchtlingshilfe

Wie Manfred Kreisel 35 Jahre lang Flüchtlingen half

Er mag diesen Platz, sagt er. Auf der Bank vor dem Centro St. Antonio in Rheine kann er nicht nur eine Zigarette rauchen. Es ist auch ein Ort, an dem er besonders intensiv spürt, weshalb er an der Arbeit mit Migranten so viel Freude hat. Vor dem Begegnungszentrum der Caritas Rheine kehrt zu den Öffnungszeiten kaum Ruhe ein. Und Manfred Kreisel genießt den Kontakt zu den Menschen hier, die grüßen, ein kurzes Gespräch suchen oder eine Frage haben.

Der 64-Jährige sitzt dort heute als Freund und Wegbegleiter. Aber auch als absoluter Profi in allen Angelegenheiten der Migrationsarbeit. 35 Jahre war er in der Flüchtlingsberatung der Caritas in Rheine im Einsatz. Die letzten zehn Jahre saß er in der Härtefall-Kommission des Landes NRW, wo über Anträge entschieden wird, die eine Ausreisepflicht eines Ausländers stoppen können. Jetzt, wo er in den Ruhestand geht, bleibt die große Erfahrung dieser Jahrzehnte. Vor allem aber die Erinnerung an die tausenden Begegnungen, von denen ihn heute noch viele bewegen.

Muskelfaserriss beendete den Sportkurs für Flüchtlinge

Der Pädagoge blickt in die Frühlingssonne und rechnet kurz: „Ich schätze mal, es waren insgesamt 8.000 Flüchtlinge, mit denen ich in unterschiedlichen Bereichen zu tun hatte.“ Beratung, Veranstaltungen, Gremienarbeit, Fortbildungen, offene Angebote… Die Arbeit mit den Migranten war vielseitig. „Ich habe auch einmal einen Sportkurs für Flüchtlinge gleitet.“ Wohl eines seiner kürzesten Angebote – er lacht: „Da bin ich schnell an meine Grenzen gekommen – ein Muskelfaserriss beendete das.“

Es waren vier Jahrzehnte, in denen sich im Bereich der Migrationsarbeit vieles geändert hat, sagt Kreisel. „Als ich begann, war ich in Rheine im Jahr vielleicht für 100 Übersiedler und Ausländer zuständig – 2016 waren es 650.“ Gerade der Balkan-Krieg Anfang der 1990er Jahre und der aktuelle Syrien-Krieg brachten viele Menschen mit Fragen und Sorgen zu ihm. Arbeitsreiche Jahre, aber keine, in denen er an seinem Job zweifelte. „Wegen der Menschen, für die ich etwas erreichen konnte.“

Rückkehr-Management beendeter die Willkommenskultur

Und wegen der vielen Ehrenamtlichen, die bereit waren, sich in diesen Jahren einzubringen. „Es war doch der Höhepunkt der Willkommenskultur, als die vielen Flüchtlinge aus Syrien kamen“, sagt Kreisel. Eine Kultur, die aber nach und nach zurückgegangen sei. „In der Gesellschaft ist es an vielen Stellen kalt geworden“, sagt er. Der Begriff „Rückkehr-Management“, mit dem die zuständigen Behörden ihr Anliegen beschreiben, von Beginn der Einreise eines Migranten die Möglichkeit seiner Ausweisung in den Blick zu nehmen, spiegelt das für ihn wider. „Mein ganzes Leben lang war es doch mein Bestreben, dass sie bleiben können und nicht möglichst schnell ihre Ausreise zu organisieren.“

Woher kommt sein Herzblut für diese Menschen? Jetzt muss er nicht lange in die Sonne schauen und nachdenken. „Zwei Gründe“, sagt er und beugt sich vor. Er erzählt von der Zeit, als er in den 1970er Jahren zum Studium nach Münster kam und keine Unterkunft fand. „Nur ein Zimmer im Internationalen Studentenwohnheim war noch frei.“ Für Kreisel war das eine Begegnung mit vielen Unbekannten. „Ich kannte aus Rheine doch kaum Ausländer, nur ein paar Portugiesen von der anderen Ems-Seite.“ Die exotischen und gastfreundlichen Erlebnisse im Studentenwohnheim aber begeisterten ihn so, dass er am Ende seine Diplomarbeit zum Thema Spätaussiedler schrieb.

Mit dem Großcousin aus Schlesien kam die Begeisterung

Und da war die väterliche Seite seiner Familie, die als Aussiedler selbst Migrations-erfahrung hatte. Als ein Großcousin von ihm nach Deutschland kam, ging Kreisel mit ihm den Weg durch den Integrations-Alltag und die Behörden. „Das hat mir viel Spaß gemacht, ich bin dabei richtig auf den Geschmack gekommen.“

Geschmack auf einen Beruf, in dem er Menschen aus vielen Nationen betreute. „Mehr als 100 Länder“, sagte er, wieder nach einer kurzen Rechenpause. „Ist doch toll. Die ganze Welt kam zu mir – das war wie eine große Reise.“ Es war aber auch ein Weg durch viele traurige Schicksale. „Keiner bricht aus seiner Heimat auf, weil es ihm gut geht.“ Manchmal hatte er an einem Tag gleich mehrere Lebensgeschichten auf den Schreibtisch, von denen jede einzelne gereicht hätte, daran zu verzweifeln. „Dann musste ich professionell handeln, Emotionen außen vorlassen und einfach meine Arbeit machen.“

Mitgefühl für Menschen auf der Flucht

Es gab nicht wenige Flüchtlinge, bei denen ihm eine solche innere Distanz schwer fiel. Die Pause, die er sich jetzt nimmt, dauert länger. In Gedanken sieht er die Roma-Familie, die ihr ganzes Hab und Gut in einer einzigen Plastiktüte mitbrachte. Oder jenen Jugendlichen aus Palästina, der im Krieg verwundet wurde und im Rollstuhl saß. „Ich holte ihn aus der Turnhalle, in der er untergebracht war, und organisierte eine behindertengerechte Bleibe.“ Die Ärzte hätten dem jungen Mann damals keine große Überlebenschance gegeben. „Ich habe mit ihm seinen 22. Geburtstag gefeiert.“

Seine Empathie für die Notsituation der Migranten wuchs von Jahr zu Jahr. „Sonst hätte ich den Job nicht so lange machen können.“ Dieses Einfühlungsvermögen brachte er auch mit, als er 2008 in die Härtefallkommission des Landes NRW berufen wurde. Neben medizinischen Gründen für einen weiteren Verbleib eines Migranten formuliert er eine Kernfrage, die ihn bei seinen Entscheidungen immer geleitet hat: „Ist es ihm trotz aller Widerstände gelungen, in Deutschland Boden unter den Füßen zu kriegen?“ Ausbildung, Arbeit, Deutschkenntnisse, ehrenamtlicher Einsatz oder kulturelles Engagement zählt er dazu. „Da gibt es viele Menschen, die Herausragendes für ihre Integration getan und trotzdem keine rechtliche Grundlage zum Bleiben haben.“

Steigende Zahl von Härtefall-Anträgen

Von diesen Härtefällen kamen im Laufe der Jahre immer mehr auf seinen Schreibtisch. Wieder eine kurze Hochrechnung: „2008 waren es etwa 250 im Jahr, 2018 über 600.“ Bei jedem Antrag saß er vor eine Akte mit manchmal hunderten Seiten.“ Lesen, bewerten, gewichten – dann ein Mal im Monat zur Diskussion und Abstimmung in die Kommission. „Das war eine große Verantwortung, die ich nur wahrnehmen konnte, weil ich bei jedem Fall fühlte, dass ich die Situation des Menschen aus meiner Arbeit als Flüchtlingshelfer kannte.“

Sachlich und rational mussten die Entscheidungen am Ende gefällt werden. Es gab viele Momente, in denen er aus dem Gefühl heraus zu einem anderen Entschluss gekommen wäre. Die Definition eines Härtefalls aber ließ diesen nicht zu. „Das war manchmal schon eine Misere für mich.“

Gutes Gefühl überwiegt

Es ist wieder Zeit für eine seiner nachdenklichen Pausen, in der in seinem Gesicht schnell wieder die Begeisterung für seinen Einsatz zurückkehrt. „Es bleibt aber das Gefühl, dass eine ganze Reihe Menschen gibt, die ohne mich nicht mehr in Deutschland wären.“ Kürzlich noch bekam er im Caritas-Büro in Rheine einen Brief in die Hand gedrückt. Ein Migrant, dessen erste Schritte in Deutschland er vor 20 Jahren begleitete, schrieb: „Ich habe jetzt endlich die deutsche Staatsbürgerschaft.“ Kreisel lächelt. „Schöner geht´s doch nicht, oder?“