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BildBotschaft

Bitte kräftig zubeißen!

Kühe gelten im Allgemeinen nicht als sonderlich fromm. Und doch sind sie ein praktisches Vorbild dafür, wie ein trockenes Bibelwort saftige Kost wird. Eine BildBotschaft von Markus Nolte.

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Kühe gelten im Allgemeinen nicht als sonderlich fromm. Und in der Bibel kommen sie auch nicht gut weg - Stichwort „goldenes Kalb„. Und doch sind sie ein praktisches Vorbild dafür, wie ein trockenes Bibelwort saftige Kost wird.

„Wenn hinter Fliegen Fliegen fliegen, fliegen Fliegen Fliegen nach.“ Erstaunlich, was man sich so alles merkt! Diesen Satz habe ich irgendwann irgendwo als Kind aufgeschnappt, und ich habe ihn bis heute behalten. Auch wenn ich mit dem Sprachwitz etwas anfangen kann – damit machen kann ich nichts. Der Spruch hilft weder bei kleinen oder größeren Alltagsproblemen noch steckt eine tiefere Weisheit dahinter. Er ist schlichtweg logisch, bestenfalls spaßig. Das war's. Gemerkt habe ich mir den Satz dennoch. Ein bisschen Spaß muss sein.

Ich kann aber noch einen anderen Gedanken auswendig, der ganz ähnlich mit Wörtern spielt und doch eine ganze Portion mehr zum Nachdenken liefert: „Wer Unwesentliches verwesentlicht, lässt Wesentliches verwesen.“ Ich finde, dieser Spruch ist im besten Wortsinn merkwürdig.

„Learning by heart“

Vielleicht ist es so: Den ersten Spruch von den Fliegen habe ich im Kopf, der zweite über das Wesentliche geht mir zu Herzen. Weil er weise ist und weisen kann. Weil er mich daran erinnert zu unterscheiden, was wirklich wichtig ist – und was nicht. Den Spruch habe ich nicht nur im Kopf, wie wir auf Deutsch sagen, wenn wir etwas auswendig lernen, sondern im Herzen. Wie schön, dass das auf Englisch „learning by heart“ heißt oder auf Französisch „apprendre par coeur“.

Echte Lebensweisheiten nimmt 3man eben nicht einfach zur Kenntnis. Sie bewegen, tun gut. An ihnen kann ich mich laben. Noch so ein wunderbares, wenn auch altes Wort. Es geht auf das Lateinische „lavare“ zurück. Und das bedeutet soviel wie „waschen“. So verrückt es klingt: Darum können Kühe ein Vorbild dafür sein, wie die Bibel, das aufgeschriebene Wort Gottes, laben kann. Wie es lebendig und zur „Nahrung“ für die Seele werden kann: Kühe schließlich haben einen „Labmagen“, in dem der pH-Wert des Speisebreis gesenkt, also gewissermaßen aufbereitet der Verdauung zugeführt und genossen wird. Vorher allerdings ging das nur grob zerkaute Gras durch diverse Vormägen, unter anderem durch den Schleudermagen, und von da zum Wiederkäuen zurück ins gemächlich mahlende Kuhmaul.

Gut durchkauen statt achtlos schlucken

Die Rinder-Experten nennen dieses Wiederkäuen „Rumination“ – und genau dieses Wort haben die großen christlichen Meister der Spiritualität übernommen, um einen Weg zu zeigen, wie das Wort Gottes zum Wort für mich werden kann: Sie schlagen tatsächlich vor, es wiederzukäuen! Es nicht nur zu hören, sich durch den Kopf gehen zu lassen und achtlos zu schlucken, sondern es immer wieder durchzukauen, damit es seine ganze innewohnende Kraft entfaltet.

Wie geht das konkret? Es beginnt damit, die Bibel nicht mit den Augen, sondern mit den Lippen zu lesen, sie sich also selber halblaut vorzusprechen. Die akustische Lektüre weckt die Sinne, erhöht die Aufmerksamkeit. Augen, Mund und Gehör werden aktiv. Lesen wird dann wie auch das Singen eine Aktion des ganzen Körpers, der den Geist ergreift und in Anspruch nimmt. So „spricht“ Gottes Wort tatsächlich zu mir und liegt nicht nur vor mir. Vielmehr spricht es mich an – ein Vers oder nur ein einziges Wort. Das gilt es zu behalten, damit umzugehen, es sich aus der Erinnerung auf die Zunge zu rufen, um es wieder zu kauen, zu genießen.

Und mit jedem Bibelbissen wird aus dem auswendig Gelernten etwas inwendig Belebendes. Aus dem Kopfwissen Herzenswissen. Labsal für die Seele. Nahrung für solche Tage, an denen der Mund trocken ist „wie eine Scherbe“ (Psalm 22).

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