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Neues Projekt „CKD 2025“ soll helfen

Den Caritas-Konferenzen fehlt der Nachwuchs – was tun?

Auch bei den Caritas-Konferenzen Deutschlands (CKD) sind die jüngeren Generationen zu wenig vertreten. Zwei Drittel der Ehrenamtlichen sind über 60 Jahre alt. Dem möchte der Verband mit einem Projekt entgegenwirken.

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Seit etwa 15 Jahren engagiert sich Elisabeth Thier für die Caritas-Konferenzen in Coesfeld. Jeden Mittwoch bietet der Verband ein Seniorencafé an. Alle zwei Wochen ist Elisabeth Thier dafür zuständig: „Die Männer spielen immer Doppelkopf. Den anderen lese ich bei Kaffee und Kuchen etwas vor oder wir singen gemeinsam.“

Der Kontakt untereinander steht im Vordergrund: „Jeder erzählt Neuigkeiten. Ein wenig Heimatkunde muss da auch sein“, sagt die 76-Jährige und lacht.

Vielfältige Aufgaben

Mehr als 9000 Ehrenamtliche engagieren sich in 390 Pfarreien für die Caritas-Konferenzen Deutschlands (CKD) im Bistum Münster. Die Aufgaben sind vielfältig: Die Ehrenamtlichen helfen immer dort, wo gerade Not in ihrer Gemeinde herrscht – ob sie Familien mit einem Geldbetrag aushelfen, Menschen mit Behinderung beim Einkaufen begleiten oder allein lebende Menschen besuchen. Die Liste der Dienste ließe sich noch viel weiter fortführen.

Elisabeth Thier ist auch beim Sozialpunkt „Offene Tür“ dabei, wo sich Menschen melden können, die gerade in einem finanziellen Engpass sind: „Da kommen auch mal Eltern, die das Schulessen ihrer Kinder nicht mehr bezahlen können.“ Beim „Mittagstisch am Bahnhof“ können Bedürftige sich eine warme Speise holen – immer für 1,50 Euro, 365 Tage im Jahr. Auch dort ist Elisabeth Thier aktiv.

Von Tür zu Tür

Zweimal im Jahr, bei der Advents- und der Sommersammlung, geht die 76-Jährige in Coesfeld von Tür zu Tür und sammelt Geld – Geld, das die Caritas-Konferenzen für ihre vielen sozialen Dienste bitter nötig brauchen. Etwa 40 Haushalte klappert sie in ihrer Straße ab.

„Die Menschen kennen mich in der Straße ja und wissen auch immer, dass ich vorbeikomme. Manchmal wundern sie sich und fragen scherzhaft: ‚Ach, ist schon wieder ein halbes Jahr um?‘“, sagt Thier. „Wenn ich sage, dass die Spenden in unserer Gemeinde bleiben, sind die Leute schon eher bereit, etwas zu geben“, erklärt die 76-Jährige weiter.

„Ich habe keine Sammeldose. Das läuft alles über Vertrauen. Manche sagen sogar: ‚Wenn du nicht für die Spenden kämst, gäb‘ ich nichts.‘ Ich denke, es ist immer am besten, wenn die Ehrenamtlichen das Geld in ihrer Nachbarschaft einsammeln.“

Ohne Sammler fehlt der Kontakt

Vor allem ältere Menschen sind für die Caritas-Konferenzen aktiv: „Fast alle sind über 60 Jahre alt. Es ist schwierig, neue Leute zu finden. Viele möchten sich nicht festlegen, wenn sie noch arbeiten. Wobei ich sagen muss, dass ich es auch nicht gemacht habe, als ich noch im Beruf war. Die Zukunft wird schwierig.“

Immer öfter müssen die Caritas-Konferenzen auf Überweisungsträger zurückgreifen, weil es nicht genug Sammler gibt. Dadurch geht wichtiger Kontakt verloren, ist sich Elisabeth Thier sicher. | Symbolfoto: Martin Schmitz
Immer öfter müssen die Caritas-Konferenzen auf Überweisungsträger zurückgreifen, weil es nicht genug Sammler gibt. Dadurch geht wichtiger Kontakt verloren, ist sich Elisabeth Thier sicher. | Symbolfoto: Martin Schmitz

Auch Sammler fehlen: „In manchen Gebieten verteilen wir bereits Überweisungsträger, weil wir dort keine Ehrenamtlichen haben. Wir haben auch schon überlegt, ob wir es überall so machen sollen. Aber der Kontakt, den wir beim Sammeln halten, ist enorm wichtig. Solange wir noch können, machen wir es also noch“, erklärt Elisabeth Thier.

Ehrenamtliche unter 60 Jahren fehlen

„Wie überall haben auch wir in den Caritas-Konferenzen Nachwuchsprobleme“, sagt Ulrike Fascher, Vorsitzende der CKD im Bistum Münster. „Vor allem fehlt uns der gesamte ‚Unterbauch‘, also alles unter 60 Jahren.“

Dafür sieht sie vorrangig einen Grund: „In den Caritas-Konferenzen engagieren sich vor allem Frauen und dadurch, dass es mittlerweile ganz normal ist, dass auch Frauen vollzeitbeschäftigt sind, sind sie für uns einfach nicht mehr ansprechbar und können sich vor allem längerfristig nicht binden.“

Frauen arbeiteten früher vor allem in Teilzeit

Vor vielen Jahren sei das noch anders gewesen: Da sei es üblich gewesen, dass die Frauen in der Familien-Phase nicht berufstätig waren und, als die Kinder größer wurden, meistens nur in Teilzeit arbeiteten. „Den demografischen Wandel spüren die Menschen überall – auch bei uns“, sagt Fascher.

Statistiken der Caritas-Konferenzen Deutschlands aus dem Jahr 2016 belegen, dass Frauen bundesweit eine klare Mehrheit bilden: 90 Prozent stellen sie in den Gruppen, 78 Prozent in den Projekten. Vier Prozent der Ehrenamtlichen sind bis 39 Jahre alt, 20 Prozent 40 bis 59. 60 Prozent sind 60 bis 79 Jahre alt, neun Prozent sogar über 80. Bei sieben Prozent der Ehrenamtlichen fehlt eine Angabe.

Projekt „CKD 2025“

Doch wie soll der Verband  dem Nachwuchsmangel entgegenwirken? „Gemeinsam mit den Fachreferenten der Gemeindecaritas haben wir das Projekt ‚CKD 2025‘ ins Leben gerufen. Darin wollen wir in drei Teilen die Zusammenarbeit in den Pfarreien, aber auch im Verband stärken“, erklärt Fascher.

Demnach beschäftigt sich der erste Teil mit neuen Strukturen: „Durch die Fusionen von Kirchengemeinden fühlen sich viele nicht mehr in ihrer neuen Pfarrei vertreten und wollen auch nicht in die Dekanats­ebene. Hier müssen wir schauen, dass wir alle wahrnehmen.“

Neuerungen in allen Feldern

Der zweite Teil soll neue Formen von Begegnung finden: „Wir möchten schauen, wo wir Menschen treffen können und wo ihre Nöte liegen. Die Aufgabenfelder verschieben sich mit der Zeit“, sagt Fascher.

Mit einer Kultur des Abschieds beschäftigt sich der dritte Teil: „Wir müssen uns von Altbewährtem trennen. Wo Sammlerinnen und Sammler fehlen, ersetzen Anschreiben für Überweisungen sie, so schmerzlich es auch ist.“ Auch Aktiven solle es demnach leichter gemacht werden, ihren Dienst zu beenden, damit sie sich nicht festgelegt fühlen.

„Alle drei Aspekte sind in Arbeit. Wir sind auf einem guten Weg und denken, dass wir mit den Endergebnissen im nächsten Frühjahr starten können“, sagt Ulrike Fascher.

Modellprojekt in Hamm

In Hamm wird derzeit das sogenannte „Caritas-Netzwerk“ gebildet. Damit sollen für eine bessere Zusammenarbeit alle karitativ tätigen Gruppen an einen Tisch gebracht werden. Alle Pfarreien arbeiten in einer gemeinsamen Runde zusammen. Aus jedem Seelsorge-Team soll einer dabei sein, der für die Caritas den Hut auf hat, zum Beispiel ein Pfarrer oder eine Pastoralreferentin“, sagt Fascher.

So lasse sich ermitteln, welche Caritas-Projekte wo laufen und wie Pfarreien in Fusionen weiterarbeiten können. „Davon erhoffen wir uns, dass wir die Pastoral und Caritas für ein gutes Miteinander verbinden können. Den Blick für die Caritas müssen wir beibehalten – und das in jeder Gemeinde. Es ist wichtig, dass die Ehrenamtlichen vor Ort einen Ansprechpartner haben. Den brauchen sie.“ Das Modellprojekt aus Hamm wollen die ­Caritas-Konferenzen auch in anderen Pfarreien bekannt machen.

Derzeit sammeln die Caritas-Konferenzen wieder an der Haustür oder per Überweisungsträger Spenden für ihre Sommersammlung. Unter dem Motto „Hoffnung geben“ läuft sie noch bis zum 23. Juni.

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