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Ein Bauer aus dem Münsterland blickt auf die vergangenen Monate

Erntedank in einem Katastrophenjahr für die Landwirtschaft

  • Ein Landwirt aus dem östlichen Münsterland sagt „Danke“ trotz vieler Rückschläge.
  • Persönliche Schicksalsschläge, fehlende Zukunftsperspektiven für den Betrieb, Corona-Erkrankungen und die Afrikanische Schweinepest setzen ihm zu.
  • In allen Sorgen sucht und findet er die guten Momente.

Dieser Text ist Teil des Schwerpunktthemas Erntedank.

Unter großen Eichen ducken sich die rot geklinkerten Wirtschafts- und Wohnhäuser zwischen gelb blühenden Senffeldern. Auf dem Hof von Wilfried Bensing (Name von der Redaktion geändert) im Ostmünsterland sieht es nach Idylle aus. Wenn der 59-Jährige aber von seiner Situation in den vergangenen Monaten spricht, hört sich das wenig idyllisch an. Persönliche Schicksalsschläge, fehlende Zukunftsperspektiven für den Betrieb, Corona-Erkrankungen und die Afrikanische Schweinepest – die Wochen hatten und haben es in sich.

„Wir sind eigentlich gut ins Jahr gekommen“, sagt er am heimischen Küchentisch. Er meint sich und seine Frau, die am Herd das Mittagessen vorbereitet. Die Zwei wohnen mittlerweile allein auf dem Bauernhof. Die ältere Generation ist bereits gestorben, die drei Kinder sind ausgezogen. Keiner wird den Hof übernehmen. „Darüber bin ich heilfroh“, sagt Bensing. Früher ging der Landwirt zugrunde, wenn sein Betrieb zugrunde ging – heute ist er beruhigt, dass seine Kinder einen anderen Weg gefunden haben.

Große Unsicherheiten für die Zukunft

Die Unsicherheiten in der Landwirtschaft sind für ihn zu groß. Das ist schnell herauszuhören, wenn er über die Situation seines Zucht- und Mastbetriebs berichtet. 1200 Schweine stehen in seinen Ställen, er bewirtschaftet 48 Hektar. Eine klassische Größe für einen Familienbetrieb.

„Den wird es in einigen Jahren aber nicht mehr geben.“ Nicht zu erfüllende politische Vorgaben, ständig wechselnde organisatorische und rechtliche Anforderungen, keine verlässlichen Rahmenbedingungen – Bensing beschreibt die Sorgen vieler Landwirte lebendig an der eigenen Situation.

Zermürbende Bürokratie

An Beispielen mangelt es ihm nicht. Sie sprudeln nur so aus ihm heraus, wenn er von seiner Kaffeetasse aufblickt und durch das große Küchenfenster in den Garten schaut. Nicht zynisch oder verbittert erzählt er dann – eher nüchtern und sachlich.

„Wenn bei einem Neubau für einen Stall die Größe für eine Sauenbox auf eine genaue Quadratmeterzahl festgeschrieben wurde, die Vorgabe aber ein paar Jahre später um einen Quadratmeter vergrößert wird, dann kann das einen Betrieb an den Rand des Ruins treiben.“ Bensing nennt viele vergleichbare Entwicklungen, etwa in der medizinischen Versorgung, in den Düngeverordnungen oder in der Vermarktung. „Da gibt es so viel Irrsinn und Bürokratie, die uns in der Praxis zermürben und wichtige Investitionen unmöglich macht.“

Er ist froh, dass der Hof aufgegeben wird

Er wird nicht mehr investieren müssen. In zwei Jahren rollen die Bagger an und werden die Gebäude auf dem Gelände so verändern, dass darin nur noch gewohnt, aber keine Landwirtschaft mehr betrieben werden kann. Sein Abschiedsschmerz hält sich in Grenzen, sagt Bensing: „Meinen Kindern würde ich die Bewirtschaftung nicht mehr antun wollen.“

Da spielt auch die allgemeine Atmosphäre mit hinein. „Die konventionelle Landwirtschaft steht ständig in der Kritik – wird für alle Probleme beim Tierwohl, in der Natur und im Handel verantwortlich gemacht.“ Er sagt, dass ihm in der öffentlichen Diskussion die Fairness fehlt. „Wir verändern viel, sehr viel, bleiben aber die Sündenböcke.“

Entscheidung nimmt Druck

Dass die Bensings trotz alldem „gut ins Jahr kamen“, lag an dem klaren Schnitt, den sie gemeinsam mit ihren Kindern zogen. „Die neue Perspektive nimmt uns großen Druck.“

Wirtschaftlich kann der Betrieb noch einige Zeit weiterlaufen. Bevor er zur finanziellen Bürde wird, schließt er. „Und eine weitere Ankündigung stimmte uns froh“, sagt er. „Wir sollten zum ersten Mal Großeltern werden.“

Ganze Familie mit Corona

Doch auch im Privaten warteten dieses Jahr dunkle Stunden. Bensing erkrankte an einer Bronchitis, von der sich nur langsam erholte. Kurze Zeit später starb seine Mutter an der gleichen Krankheit. Am Tag darauf saß die Großfamilie an eben jenem Küchentisch, an dem der Landwirt heute über all die Ereignisse nachdenkt. „Keiner wusste, dass wir uns dabei fast alle mit dem Corona-Virus ansteckten, an dem einer meiner Söhne bereits erkrankt war, ohne es zu wissen.“

Die Quarantäne für Haus und Hof folgte. Den Betrieb konnte er nur mit Mühe aufrechterhalten, Hilfe von außen war untersagt. „Die Symptome waren nicht schwerwiegend, ich war aber richtig angeschlagen.“ Bensing erledigte nur das Notwendigste für das Vieh. Was viel Kraft kostete. „Irgendwann fühlte ich, dass der Akku leer war.“ Er ging ins Krankenhaus, ließ sein Herz checken, bekam einen Katheter.

An Schicksalsschlägen hätte das wohl für mehrere Jahre gereicht. Der Landwirt stand aber sofort vor neuen Herausforderungen, als er wieder auf dem heimischen Hof war. Mit den Corona-Problemen in der Fleisch­industrie sanken auch für ihn die Preise, die er mit seinem Fleisch erzielen konnte. Aktuell verstärkt die Afrikanische Schweinepest diese Entwicklung. Ein „beschissenes Jahr“, sagt er deutlich. „Da kam einfach zu viel zusammen.“

Die guten Seiten des schlimmen Jahres

Gründe genug, zu Erntedank nicht „Danke“ zu sagen? „Doch!“ Die Antwort von Bensing kommt genauso sachlich wie seine Schilderungen zuvor. „Das alles ist doch Stöhnen auf hohem Niveau – das machen wir Bauern immer.“

Er dreht die Kaffeetasse in seinen Händen und lächelt. „Vieles von dem, was passiert ist, hatte auch eine gute Seite.“ Er braucht nicht lange für Erklärungen. „Meine Mutter ist mit 90 Jahren friedlich eingeschlafen, die Beerdigung war durch die Corona-Beschränkungen wunderbar familiär, ich bin wieder gesund und kann hier meinen Kaffee trinken …“

Das Wichtigste hätte er beinahe vergessen: „Seit einigen Wochen dürfen wir oft auf unser erstes Enkelkind aufpassen.“

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