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Warum Julia Lis als Christin politisch aktiv ist

Friedlicher Einsatz für globale Gerechtigkeit endet in Gefängniszelle

  • Julia Lis wurde am Rande einer Kundgebung gegen Kohlekraft verhaftet
  • Die promovierte Theologin war zu friedlichen Gesprächen angereist
  • Sie klagt gegen die unverhältnismäßige und demütigende Polizeipraxis
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„Katholisch – na klar, das sind wir“, sagt sie. Und was ist mit dem Prädikat „links“? „Damit kann ich auch leben.“ Sie legt aber Wert auf eine genaue Definition, damit es kein pauschales Etikett wird: „Wenn mit katholisch-links gemeint ist, dass wir uns aus unserem Glauben heraus kritisch mit den Entwicklungen in der Welt auseinander setzen.“ Die Worte „globale Gerechtigkeit“ nutzt Julia Lis häufig, wenn sie von ihrer Motivation spricht, als Christin politisch aktiv zu sein. Als Geschäftsführerin des Instituts für Theologie und Politik in Münster hat die promovierte Theologin dafür den passenden Arbeitsplatz gefunden. Seit 25 Jahren betreibt es Forschungs- und Bildungsarbeit an der Schnittstelle zwischen Kirche und Sozialen Bewegungen.

In dem Bürogebäude auf einem Hinterhof in Bahnhofsnähe wird schnell deutlich, wo die Menschen stehen, die sich für die Anliegen des Instituts engagieren. Allein die Fahnen an der Wand sprechen eine eindeutig befreiungstheologische Sprache. Es sind die von Initiativen, die sich für Entrechtete in Ländern Lateinamerikas oder Afrikas stark machen. Lis selbst lernte die Arbeit des Instituts bei einer „befreiungstheologischen Sommerschule“ während ihrer Studienzeit kennen. Ihr Anliegen „Glaube und Theologie immer im gesellschaftlichen Zusammenhang zu setzen“ bekam damals weitere Nahrung.

Puzzlestücke globaler Gerechtigkeit vor der Haustür

Dass sie wegen dieser Einstellung einmal halbnackt in einer Zelle der deutschen Polizei landen würde, war für die 37-Jährige unvorstellbar. So parteiergreifend ihr Engagement ist, so friedlich und auf Dialog ausgerichtet ist es auch. Das zeigt sich an vielen Aktionen, mit denen sie ihr Anliegen zum Ausdruck bringen, „die Ursachen globaler Probleme bei uns zur Sprache zu bringen“, sagt List. „Denn viele Puzzleteile liegen eben nicht weit weg von uns, sondern vor unserer Haustür.“ So organisierten sie etwa bei den Protesten gegen die Erweiterung des Rheinischen Braunkohle-Reviers eine Prozession durch den Hambacher Forst – mit Stationen, an denen gebetet wurde.

Eines dieser Puzzle-Teile ist in ihren Augen auch das Kohlekraftwerk Datteln IV. „Es bewegt sich  genau an dieser Schnittstelle zwischen globaler Verantwortung und sozialen Bewegungen bei uns.“ Als sie am 1. Februar 2020 zu einer Kundgebung dorthin aufbrach, wusste sie noch nicht, dass die Reaktion der Polizei auf ihr Anliegen so heftig ausfallen würde, wie sie es sich nie hätte vorstellen können.

Viele demütigende Momente

Es war eine unangemeldete Aktion verschiedener Gruppen, die sich gegen den Ausbau der Kohlekraft in Deutschland stark machen. „Wir kamen nicht als Demonstranten, sondern wollten beobachten, wollten Kontakt aufnehmen, wollten uns präsentieren“, sagt Lis. Zusammen mit einem Kollegen aus dem Institut und einem Bekannten hatte sie sich ein Auto geliehen und fuhr damit Richtung Ruhrgebietsrand. Das Gepäck bestand aus Schlafsäcken und Rucksäcken mit dem Nötigsten für die Übernachtung in der Wohnung eines Freundes.

Wenn Lis heute von den Ereignissen erzählt, tut sie das sehr detailliert. Weil es so viele Momente gab, die sie immer noch beschäftigen. Die für sie demütigend, angsteinflößend und irritierend waren. Das begann schon, als sie am Kraftwerk vorüberfuhren und das große Polizeiaufgebot sahen. „Die Kundgebung schien also erwartet und sollte mit aller Macht verhindert werden“, glaubt sie. Sie fuhren deshalb weiter, unschlüssig, was sie machen wollten.

Von der Polizei gestoppt

Das Institut für Theologie und Politik (ITP) im Internet.

Die Entscheidung nahm ihnen ein Polizeifahrzeug ab, das sie kurz darauf stoppte. Austeigen, Papiere zeigen, Durchsuchung des Autos. All das ließen sie über sich ergehen, auch wenn sie sich schon da fragten, was eigentlich ihr Vergehen war. Denn Material für eine Demonstration hatten sie ja nicht bei sich, geschweige denn Werkzeuge, um Straftaten zu begehen. „Wir waren ja gekommen, um friedlich ins Gespräch zu kommen.“

Lis sagt, dass „es immer gruseliger wurde“. Umstellt von Polizisten, frierend im Dunkeln und mit der wachsenden Ungewissheit, was da eigentlich vor sich ging, mussten sie und ihre zwei Begleiter stundenlang warten. Irgendwann stellten sie dann doch die Frage, warum sie festgehalten wurden. Die Polizisten selbst konnten kaum Auskunft geben, verwiesen aber darauf, dass sie die Flucht der Drei verhindern sollten. „Wohin hätte ich rennen können?“, fragt sich Lis noch heute. „Über das Feld auf der einen Straßenseite oder in dunklen Walt auf der anderen?“

Wie Verbrecher abtransportiert

Auch die Information, dass sie durch die Festsetzung an Straftaten gehindert werden sollten, war für sie unverständlich. Denn trotz mehrmaligen Durchsuchens ihre Taschen und des Autos wurde nichts gefunden, was irgendwie darauf hätte hindeuten können, dass sie in das Gelände des Kraftwerks hätten eindringen oder Anlagen beschädigen können. „Das alles lag ja auch völlig außerhalb unserer Vorstellung.“

Umso erschrockener waren sie, als die Polizei ihnen mitteilte, dass ein Gefangenentransporter für sie unterwegs war. „Ein Wagen ohne Fenster, in dem wir orientierungslos waren“, erinnert sich Lis. „Anfahren, abbremsen, Kurven – das fühlte sich unheimlich an.“ Spätestens als sich die Tür öffnete und sie auf dem gesicherten Innenhof des Polizeipräsidiums standen, entwickelte sich der Eindruck, „ein wirkliches Verbrechen begangen zu haben.“

Allein in Hemd und Unterhose

Was folgte, verstärkte dieses Gefühl immer weiter: Einzelzelle, vollkommenes Entkleiden, intime Leibesvisitation. Danach blieb sie über Nacht allein, nur im Hemd und Unterhose. Erschöpft, ohne Essen und Trinken, vom Rumoren anderer Inhaftierter wach gehalten. „Skurril, ängstlich, durcheinander, gedemütigt, ohnmächtig …“ Lis findet viele Worte, die ihre Gefühlswelt in dieser Nacht beschreiben. „Die Hoffnung, dass sich am kommenden Morgen alles aufklären würde, war das einzig Positive.“

Die Ankündigungen, kurz nachdem das Licht in ihrer Zelle wieder angegangen war, dass sie gleich dem Haftrichter vorgeführt werde, ließ auch diese Hoffnung erst einmal platzen. Dann aber ging plötzlich alles ganz schnell, wie Lis schildert: Sie bekam ihre Kleidung und Gepäck zurück und durfte mit ihren Begleitern das Präsidium verlassen, mit einem Betretungsverbot für einen großen Radius rund um das Kohlekraftwerk in der Tasche.

Zurückhaltung vor Öffentlichkeit

Aber erst, nachdem sie am kommenden Tag ihr Auto vom Hof eines Abschleppdienstes ausgelöst hatten und nach Münster zurückgekehrt waren, konnten sie zur Ruhe kommen. Was blieb, war die Frage, wie sie mit den Geschehnissen umgehen sollten. „Am Anfang gab es bei mir durchaus eine Angst vor Öffentlichkeit“, sagt Lis. „Es gibt ja durchaus Menschen, die uns in einem solchen Fall als Täter angehen.“

Trotzdem entschlossen sich die drei Betroffenen, mit dem Erlebten an die Öffentlichkeit zu gehen und Klagen einzureichen. „Gegen die präventive Ingewahrsamnahme, gegen die Behandlung während des Gewahrsams, gegen das Betretungsverbot und gegen die Beschlagnahmung unseres Autos.“ Negative Reaktionen blieben weitgehend aus, die positiven überwogen. „Mich haben so viele Menschen angerufen und Solidarität bekundet“, sagt Lis. „Sogar eine Grundschulfreundin meldete sich, die ich seit fast 30 Jahren nicht mehr gesehen habe.“

Es geht um eine grundlegende Botschaft

Das Verfahren läuft noch. Zwei Ereignisse geben ihr aber Mut, dass es zu ihren Gunsten ausfällt. Auf ihren Antrag wurde das Betretungsverbot um das Kraftwerk für eine Kundgebung gegen die Ereignisse in jener Februarnacht schon einmal aufgehoben. „Die Begründung, unsere Sympathie zur Klimabewegung reiche dafür nicht aus, stimmt optimistisch.“ Und aus den Reaktionen auf eine Anfrage der Landtagsfraktion der Grünen, habe sie „vorsichtige Kritik am Handeln der Polizei heraushören können“.

Es geht ihr nicht um Schadensersatz, sagt Lis. Es ist ihr wichtiger mit dem Verfahren eine grundlegende Botschaft zu transportieren: „Es darf nicht sein, dass Leute wegen einer politischen Gesinnung eingesperrt werden.“ Die Praxis der präventiven Festsetzung stellt sie dabei in besonders in Frage. Denn die passt so gar nicht zu ihrem Einsatz aus dem Glauben heraus. „Ich komme als Christin, die sich für Menschen und die Umwelt einsetzt – nicht als jemand, der mit Gewalt etwas durchsetzen möchte.“

Als Christin aufgefordert zu handeln

Das wird sie auch künftig tun, sagt sie. „Die Erlebnisse in Datteln waren heftig, werden mich aber nicht davon abhalten, mich weiterhin gegen Rassismus, für Flüchtlinge oder für die Schöpfung einzusetzen.“ Befreiungstheologisch ist es für sie „die Ungerechtigkeit in der Welt, die mich als Christin zum Handeln auffordert“. Sie plant, demnächst noch einmal im Braunkohlrevier aktiv zu werden: „Wir wollen Gottesdienste direkt an der Bruchkante des Tagebaus feiern.“

 

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