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Angelika Oberbeckmann eröffnet einen Bioladen mit Café in Westerkappeln

Pfarrerin zwischen Kasse und Kanzel

In Westerkappeln hat Angelika Oberbeckmann Großes vor: Die Eröffnung eines Bioladens mit Café. Sie berichtet, wie sie auf die Idee kam. Und ob sie demnächst hinter der Warentheke statt in der Kirche steht.

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Im Schatten der spätgotischen Stadtkirche leuchtet das Weiß  des verputzen Gebäudes über den Kirchplatz in Westerkappeln. Der Kinderspielplatz ist noch leer an diesem Vormittag, der Parkplatz des angrenzenden Familienzentrums jedoch voller Autos. „Hier wird es sein“, sagt Angelika Oberbeckmann mit einem breiten Lächeln und schaut durch die hohen Fensterscheiben in das Geschäft. Direkt neben der evangelischen Stadtkirche im Zentrum der 11.000 Einwohner-Stadt soll ein Lebensmittelladen mit Café nach biologischen Kriterien entstehen.

Nichts Besonderes vielleicht, wäre der Anstoß dazu nicht von drei evangelischen Pastoren gekommen: „Früher war dort ein Fahrradgeschäft drin“, erinnert sich Angelika Oberbeckmann. Das Schild hängt noch über dem Haupteingang. Licht flutet das großzügige Lokal, die Sonnenstrahlen spiegeln sich im Glas. „Ich kann es immer noch nicht fassen“, sagt die Pastorin und strahlt über das ganze Gesicht.

Die Sonne spielt eine große Rolle bei ihrem Projekt, das sie gemeinsam mit ihrem Mann, Jörg Oberbeckmann, Pastor in Büren, und ihrem Kollegen Olaf Maeder und dessen Frau Adelheid Zühlsdorf-Maeder, die in der Erwachsenenbildung tätig ist, ins Leben gerufen hat. Gründe gab es viele. Die zurückliegenden Sommer gaben einen letzten Anstoß: „Die große Hitze 2018 und 2019 hat uns noch einmal deutlich gemacht: Es reicht nicht nur, wenn wir unser eigenes Leben klimaneutral gestalten. Wir müssen mehr tun“, sagt die Pastorin entschlossen.

Über 150 Unterstützer

Im nahe gelegenen Dietrich-Bonhoeffer-Haus, das der evangelischen Gemeinde Westerkappeln als Treffpunkt und Tagungsort dient und auch das Familienzentrum beherbergt, fand 2019 das Informationstreffen zum Bio­laden-Projekt statt. Über 150 Menschen hatten sich eingefunden. „Uns wurde gesagt, druckt 500 Einladungen, dann kommen vielleicht 30 Interessierte“, berichtet Angelika Oberbeckmann rückblickend. Dass die Beteiligung so überwältigend war, damit hatte niemand gerechnet: „Die Stimmung im Saal war beeindruckend. Als ob der heilige Geist einmal richtig durchgebraust ist. Die Menschen wollten gemeinsam etwas für ihre Stadt erreichen.“

Für die 57-Jährige, die seid 2010 Pfarrerin für den Bezirk Nord in Westerkappeln ist, gehen Glauben und Handeln Hand in Hand, ohne gewollt missionarisch zu sein: „Das ist jetzt nicht etwas, was nur sonntags stattfindet, sondern Glauben durchzieht mein ganzes Leben in jeder Kleinigkeit. Und wenn ich dieses Engagement bringe, dann sehe ich da die Chance in der Begegnung mit Menschen, die fragen: ,Warum machst du das?‘“

„Seelsorge geht immer vor“

Für sie steht ihr Engagement für den Bioladen nicht im Widerspruch zu ihrem Beruf: „Seelsorge geht immer vor. Wenn zum Beispiel ein Trauergespräch ansteht, oder eine Beerdigung, dann bin ich natürlich in der Situation für die Menschen da.“ Trotzdem kann sie sich auch gut vorstellen, in Zukunft hinter der Kuchentheke im Biocafé Ansprechpartnerin zu sein: „Im Bioladen und im Café halten sich wieder ganz andere Menschen auf, als im Kirchenraum. Ich sehe das als Chance, diesen zu begegnen.“ Ein Kollege in Osnabrück handhabe das bereits so: „Das hat mich fasziniert, er hat feste Sprechzeiten in einem Café. Das ist einfach nochmal was anderes, als wenn ich hier ins Gemeindehaus einlade“.

Kritische Stimmen zu dem Projekt seien bisher noch nicht laut geworden: „Es ist eher so, dass ich gefragt werde, wann es denn endlich los geht.“ Viele Bewohner sähen in dem Projekt eine Chance der Verödung im Ortskern entgegen zu steuern. „Einkaufsmöglichkeiten vor den Toren der Stadt gibt es noch und nöcher“, meint die Pastorin. Doch damit sei älteren Menschen, oder Menschen ohne Auto nicht geholfen, „und Höfen, die ihre Erzeugnisse ohne Druck von Konzernen vermarkten wollen, auch nicht“.

Damit das Projekt funktioniert, müssen sich viele engagieren: „Das können nur wir als Pastoren nicht stemmen“, sagt Angelika Oberbeckmann. Muss sie auch nicht, 160 Menschen hätten sich bisher für den Verein „Rest von Eden“ eingeschrieben. „Der Name kommt natürlich nicht von ungefähr“, sagt die evangelische Theologin, die in Münster, Tübingen und Heidelberg studiert hat, mit einem Lächeln. „Ich glaube fest an die Heilserwartung Gottes, den Plan, den er für uns mit dem Paradies vorgesehen hat, das kommt und auch kommen wird. Aber wir Christen haben auch einen Auftrag. Um es mit dem Propheten Jeremia zu sagen: ,Christinnen und Christen, suchet der Stadt Bestes.‘“

Pfarrer sind „Anschubser“

Der Bioladen sei auch als politische Ansage zu verstehen für mehr bürgerschaftliches Engagement zu werben. Die beiden Pastorenpaare verstehen sich daher als „Anschubser“. Nachhaltigkeit müsse nicht nur auf den privaten Alltag beschränkt bleiben, findet sie und versteht das Motto aus dem Jahr des Reformationsjubiläums 2017 als ökumenische Anregung: „Gemeinsam tun, was man tun kann, da ist noch viel mehr möglich!“ Von der gemeinsamen Nutzung von Gebäuden, was in einigen Gemeinden ja auch schon gut funktioniere, bis über die Planung mit personalen Ressourcen: „Können sich nicht auch Mitarbeiter beider Konfessionen Arbeit teilen?“ Beispiele gebe es bereits in der Kindergartenarbeit. „Da müssen wir noch viele kleine Schritte gehen.“

2010, als Angelika Oberbeckmann nach der Erziehungszeit ihrer drei Kinder die Pfarrstelle in Westerkappeln antrat, lautete ihr Bibelvers: „Gott lässt die Saat aufgehen“ (Markus 4,26-34).

Vater war Atheist

„Ich habe hier eine Tüte mit ganz besonderen Samen in die Hand bekommen“, meint sie mit einem Schmunzeln. Dass sie überhaupt Pfarrerin geworden sei, verwundert sie heute noch ein bisschen: „Ich komme nicht aus einer kirchlich geprägten Familie“, sagt sie. Aufgewachsen im Ruhrgebiet, in Duisburg, unterhalb der Kupferhütte, „war öfters roter Belag auf den Autos“, war sie das einzige Mal in der Kirche, als ihre ältere Schwester in der   Vorbereitung auf die Konfirmation war.

„Mein Vater war konsequenter Atheist.“ Ihre Mutter war auch keine regelmäßige Kirchgängerin, „aber sie hat mit uns regelmäßig zum Mittag und am Abend gebetet“. Als Kind wusste  Angelika Oberbeckmann lange nicht  recht: „Wozu soll ich überhaupt glauben?“ Der Tod ihrer Großmutter und der Tod ihres Vaters nach langer Krankheit, den sie erlebte, als sie 13 Jahre alt war, prägten sie nachhaltig. Nach einem Umzug nach Neuenkirchen-Vlyn kam sie mit einer Kirchengemeinde in Kontakt, die ihr gut tat.  „Mein Leben war zu dem Zeitpunkt komplett infrage gestellt.“

Als Jugendliche wollte sie Antworten haben: „Für meinen Pfarrer war ich wohl eine schreckliche Konfirmandin.“ Trotzdem, die Neugier, der lebendige Bezug zu Gott waren geweckt. Kurz vor dem Abitur stand fest: „Ich studiere Theologie.“ Über die Kirchenmusik fand sie einen tieferen Zugang, der blieb. Genau, wie Angelika Oberbeckmann Pfarrerin bleiben wird – nur eben mit einer Kirche und einem Bioladen.

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