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Gelernte Designerin arbeitet als Künstlerin im Kloster

Schwester aus Dinklage gestaltet 900 Kerzen im Jahr

Schwester Veronika Scharnberg ist Benediktinerin in der Abtei Burg Dinklage. Im Jahr gestaltet die 74-Jährige bis zu 900 Kerzen für Anlässe wie Taufen und Hochzeiten.

 

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Verzierte Kerzen braucht sie nicht. „Ich finde, eine Kerze ist auch für sich schön“, sagt Schwester Veronika Scharnberg. Das ist eine überraschende Bemerkung. Denn in den Regalen ihrer winzigen Werkstatt in der Benediktinerinnen-Abtei St. Scholastika in Dinklage stehen und liegen Dutzende Tauf- und Hochzeitskerzen, und jede einzelne davon ist kunstvoll gestaltet.

Besonders die großen Osterkerzen sind aufwendig gemacht. Teils sind es Exemplare aus vergangenen Jahren, die noch Verwendung in der Klosterkirche finden sollen, teils sind es Kerzen, die schon die Jahreszahl 2020 tragen. Einzelne erzählen ganze Bibelszenen. Andere sind schlichter, stellen christliche Symbolik in bunter Vielfalt dar.

Für die Benediktinerin ist Kunst kein Selbstzweck

Die Kunst ist für Schwester Veronika kein Selbstzweck. „Mein Trost ist, dass eine Kerze ein vergängliches Element ist, bei dem sich das, was ich gemacht habe, in Licht und Wärme verwandelt“, erklärt sie ihre Vorstellung.

Schwester Veronika Scharnberg gestaltet Kerzen für den Klosterladen. | Foto: Marco Heinen
Schwester Veronika Scharnberg gestaltet Kerzen für den Klosterladen. | Foto: Marco Heinen

Die gelernte Grafikdesignerin fertigt mittlerweile pro Jahr bis zu 900 solcher Kerzen an. Obwohl sie doch eigentlich nie eine Art Produzentin sein wollte. Denn früher war das anders, da war praktisch jede Kerze aus ihrer Werkstatt ein Einzelstück. Inzwischen sind die Kerzen aus Kloster Burg Dink­lage aber nicht nur in der näheren Umgebung gefragt, sondern in ganz Nord- und auch in Süddeutschland.

Kerzen aus Dinklage für die ganze Welt

Einige Exemplare gehen sogar in die weite Welt: In Japan, Israel, Ghana und Irland brennen in den Gottesdiensten von Ordensgemeinschaften Kerzen aus Dinklage. „Ich habe in den Jahren, in denen ich hier arbeite, eine ständige Produktionssteigerung erreicht“, sagt sie und lacht. „Immer mit den gleichen zwei Händen.“

Aber in Schwester Veronikas Leben ist ohnehin vieles anders gelaufen, als sie es sich ursprünglich gedacht hatte. Welche andere Ordensfrau sonst darf sich denn stolze Mutter zweier erwachsener Söhne nennen?

Geboren wurde sie als Barbara Johanna Scharnberg 1945 in Flensburg, aufgewachsen ist sie in die Nähe von Eutin. Damals war ihr Vater, ein strammer Nazi, gerade aus der Kriegsgefangenschaft heimgekehrt. Obwohl er ein Pastorensohn war, hielt er nichts von der Kirche.

Als Kind schon von Kerzen begeistert

So bestellte die Mutter in der Osternacht, wenn der Vater schon schlief, immer heimlich ein Taxi, um mit den Kindern nach Eutin zur heiligen Messe zu fahren. Die große Kerze in der Osternacht habe sie damals schon beeindruckt, erinnert sich Schwester Veronika.

Die Eltern trennten sich, als sie 14 war. Damals wuchs in ihr die Überzeugung, ins Kloster gehen zu wollen. Aber die Mutter meinte, sie solle erst einmal das Leben kennenlernen. So besuchte sie nach der Schule  eine Kunsthochschule in Kiel und studierte Grafikdesign.
Dann starb die Mutter. Die 24-Jährige übernahm die Verantwortung für ihre fünf noch schulpflichtigen Brüder – ohne je in diesem Beruf gearbeitet zu haben.

Die Benediktinerin war verheiratet

Später kam auch noch die Liebe dazwischen. „Ich habe geheiratet – was ich nie wollte“, erinnert sich Schwester Veronika lachend. Die Ehe mit einem Musiker dauerte 24 Jahre, dann wurde die Scheidung unausweichlich.

Schwester Veronika lebte da schon längst in Lübeck. Sie engagierte sich in der Gemeinde Herz Jesu in der Kommunion- und Firmvorbereitung, in der Beichtvorbereitung, und sie gab Nachhilfe für ausländische Kinder.

Außerdem engagierte sie sich in der Altenpflege und ließ sich dort zur Fachkraft ausbilden. 22 Jahre hatte sie in einem Pflegeheim gearbeitet. „Mit großer Freude“, wie sie berichtet.

Vor 20 Jahren wurde sie Benediktinerin

Das Ordensleben der Benediktiner hatte sie im holsteinischen Kloster Nütschau bei Bad Oldesloe kennengelernt. Sie entschied sich 1999, vor jetzt 20 Jahren, in ein Kloster einzutreten. Aber warum gerade bei den Benediktinerinnen in Dinklage?

Da sie Jahrzehnte in Lübeck gelebt hatte, war sie bestens mit dem Schicksal der so genannten Lübecker Märtyrer vertraut. Die Kapläne Johannes Prassek, Eduard Müller und Hermann Lange sowie der evangelische Pastor Karl Friedrich Stellbrink hatten in Lübeck  ab 1941 zum Beispiel der natio­nalsozialistischen Politik der Vernichtung sogenannten „unwerten Lebens“ laut widersprochen.

Sie beriefen sich dabei auf die Predigten des damaligen Bischofs von Münster, Clemens August von Galen. Die Nationalsozialisten richteten die vier Geistlichen dafür 1943 hin. 2011 wurden die Kapläne von Papst Benedikt XVI. selig gesprochen, des evangelischen Pastors wird seither ehrend gedacht.

Dinklage hat für sie besondere Bedeutung

Dinklage als Geburtstort von Clemens August von Galen, habe für sie also eine besondere Bedeutung gehabt, berichtet sie. „ Weil er den Widerstand so laut und deutlich herausgerufen hat, dass die Lübecker Märtyrer es hörten und sein Anliegen weiter verfolgten.“ Dinklage als Ort für ihr Ordensleben habe nahegelegen, „wenn man mit den Lübecker Märtyrern groß geworden ist“. Denn dort sei Galen, „der Motor dieses Widerstands“, zu Hause gewesen.

Als geschiedene Ehefrau benötigte sie für den Eintritt in das Kloster eine Sondergenehmigung des damaligen Bischofs Reinhard Lettmann. Doch der hatte keine Bedenken, genauso wenig wie die Schwestern.

Kerzen für den Klosterladen

Und so fertigt Schwester Veronika nun schon seit 18 Jahren Kerzen, die im Klosterladen oder über das Internet verkauft werden. Schwester Veronika hat über die Jahre ganz eigene Techniken zur Veredelung der Kerzen entwickelt. Gerade für Länder mit hohen Temperaturen fertigt sie die Kerzen so an, dass die Ornamente nicht aufgetragen, sondern in die äußere Wachsschicht einer Kerze eingearbeitet werden.

Mit solchen Kerzen begeistert Schwester Veronika ihre Kunden in Dinklage. | Foto: Marco Heinen
Mit solchen Kerzen begeistert Schwester Veronika ihre Kunden in Dinklage. | Foto: Marco Heinen

Denn sonst würden die Verzierungen wegen der Hitze einfach herunterrutschen. Auch im heißen Sommer ist es manchmal schwierig, überhaupt an den Kerzen zu arbeiten. Bei 19 bis 22 Grad Celsius Umgebungstemperatur lässt sich das Material am besten verarbeiten.
Ein ausgedienter Druckbleistift, Näh- und Stopfnadeln, Küchenmesser sowie Bügeleisen und Fön gehören zu den Werkzeugen der Schwester. Lediglich die im Handel erhältlichen farbigen Wachsplatten zu verarbeiten, wäre zu einfach.

Besondere Techniken für die Kerzen

Schwester Veronika mischt Farben, fertigt kleine vielfarbige Wachsklötze, von denen sie dünne Scheiben abschneidet, die sich sowohl als Einlegearbeit gestalten als auch relief­artig auf eine Kerze auftragen ­lassen. Schwester Veronika hat auch Techniken entwickelt, wie sich ein Motiv in mehrere Kerzen einarbeiten lässt. Silikonpapier aus dem Bäckereigroßhandel und einen Farbkopierer benötigt sie dafür.

Besonders gerne verarbeitet sie Gold, weil es für sie die Gegenwart symbolisiere. Das Gold muss jedoch fixiert werden. Und so zieht die Schwester in ihrem Ordenshabit immer wieder los, um einige Dosen Haarlack zu kaufen. Dann draußen, mitten im Leben.

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