Caritas-Konferenzen im Bistum Münster wollen Bulli einsetzen

So will die Caritas in den Pfarreien Nachwuchs finden

Birgit Rövekamp ist Sprecherin des Leitungsteams ihrer Caritasgruppe. Seit 15 Jahren engagiert sich die 58-Jährige in St. Anna in Münster-Mecklenbeck im Sozialbüro. Dort berät sie mit anderen aus ihrem Team Menschen in Not. Sie hört zu, wenn jemand einsam ist, begleitet Bedürftige zu Ämtern, sorgt für Abhilfe, wenn sich eine Familie keine neue Waschmaschine leisten kann. Rövekamp ist eine von 8.000 Ehrenamtlichen, die sich im nord­rhein-westfälischen Teil des Bistums Münster für Bedürftige engagiert.

Meist sind es Frauen, die Kleiderstuben in den Pfarreien und Kirchorten aufrechterhalten, Kranke besuchen, Senioren zu runden Geburtstagen gratulieren, Nachmittage für die Älteren organisieren oder die Seniorenwallfahrt vorbereiten, wie es in St. Anna Tradition hat. An Rövekamps Kirchort, der mit drei weiteren zur St.-Liudger-Pfarrei gehört, arbeiten 60 Freiwillige für die Caritas. 2018 hat das Sozialbüro Lebensmittelgutscheine in Höhe von knapp 2.800 Euro ausgegeben und für 1.500 Euro Einzelfallhilfe geleistet.

Christlich und sozial

Birgit Rövekamp sagt, dass sie „ganz klassisch nach der Familienphase“ zu der Arbeit gekommen ist. Schon viele Jahre vorher habe sie sich in der Kirche engagiert. „Bereits meine Mutter hat für die Caritas gesammelt.“ Der Einsatz macht ihr sichtlich Freude. Für sie gehört er zu ihrer christlichen Grundhaltung.

„Früher nannten wir dieses Engagement ‚Gemeindecaritas‘“, sagt Lena Dirksmeier. Noch gibt es in 315 Kirchorten des NRW-Bistumsteils je eine Caritasgruppe, sagt sie. In diesem Jahr hat sie aber auch schon zwei Abmeldungen bekommen. „Dann hat die Gemeindecaritas keinen Nachwuchs mehr und meldet sich, weil sich die Gruppe auflöst“, erklärt sie.  „Ich wünschte, dass sie früher auf uns zukommen, dann könnten wir noch gegensteuern.“

„Die Aktiven sind mehrheitlich jenseits der 70“

Dirksmeier ist für das Bistum Münster Geschäftsführerin der sogenannten Caritas-Konferenzen Deutschlands (CKD). Das ist das Netzwerk der ehrenamtlichen Caritas-Mitarbeiterinnen und -Mitarbeiter. „Die Aktiven sind heute mehrheitlich jenseits der 70 Jahre“, umreißt sie das Problem. „Sie leiden darunter, dass der Nachwuchs ausbleibt und versuchen, solange wie möglich durchzuhalten, um die Arbeit am Kirchort aufrechtzuerhalten. Gleichzeitig können sie den Wandel nicht vollziehen.“ Eine Zwickmühle, die Dirksmeier nur allzu klar ist.

Auch Lena Dirksmeier ist nicht mehr die Jüngste. „Ich habe noch achteinhalb Jahre bis zur Rente. Da habe ich mich gefragt: Mache ich jetzt die Palliativarbeit und begleite die Caritas-Gruppen bis zu ihrem Ende? Oder will ich noch einmal richtig durchstarten?“ Dirksmeier will durchstarten und hat die Initiative „CKD 20/25“ ins Leben gerufen.

Graue Eminenzen

Dafür hat sie Ehren- und Hauptamtliche zusammengeführt, die sich mit drei Themen beschäftigt haben: die Strukturen, die Kultur des Abschieds und Zukunftsplanung. Die Gruppen stellten sich Fragen wie: Sind die Caritaskonferenzen, wie sie zurzeit aufgestellt sind, noch zeitgemäß? Wie können wir einerseits die älteren Ehrenamtlichen schätzen und ihnen für ihre jahrzehntelange Arbeit danken, andererseits aber auch den Weg frei machen für Neue, die sich engagieren wollen?

Zuweilen wollten die „grauen Eminenzen“ ihren Einfluss in den Gemeinden nur ungern aufgeben und verhinderten so, dass Jüngere an die Schalthebel kommen, sagt sie. Und schließlich: Was kann die Caritas tun, um Neue für das Ehrenamt zu begeistern? Eine Idee dazu ist nun das Bulli-Projekt „Uns schickt der Himmel“.

Caritas an der Skaterbahn, beim Sportverein, am Altenheim

„Wenn neue Ehrenamtliche nicht so leicht zu finden sind, dann gehen wir eben zu den Menschen“, erklärt Dirksmeier das Konzept. Ein Ford Transit ist schon besorgt und wird demnächst ungespritzt. Im Inneren hat er einen Tisch und zwei Bänke. Eine Zeltgarnitur gehört auch dazu. Pfarreien und Kirchorte sollen das Gefährt ausleihen können – womöglich samt Fahrer und hauptamtlicher Begleitung – „zumindest in der Anfangsphase des Projekts“, sagt sie.

Starten soll das Ganze im Frühjahr 2020 und ist zunächst auf drei Jahre begrenzt. Dirksmeier stellt sich vor, dass der Wagen an Orten steht, wo Menschen zusammenkommen und Caritas vor Ort präsent sein sollte:  „Dort, wo man uns vielleicht gar nicht erwartet: an Geschäften und Betrieben, im Neubaugebiet, auf der Skaterbahn, beim Sportverein, bei der Kindertagesstätte, am Altenheim.“

Bildung macht attraktiv

Es gehe nicht allein um den Aufbau neuer Caritasgruppen, sondern auch darum, ein zeitgemäßes Bild kirchlicher ehrenamtlicher Arbeit zu vermitteln. Zudem wüssten die Leute vor Ort am besten, was sie an Unterstützung bräuchten und wo es lohnt, sich für eine Sache einzusetzen.

Der Caritas-Bulli könne dann bis zu mehreren Tagen vor Ort installiert werden, um Gespräche und Austausch mit den Bürgern möglich zu machen.  „Für diesen Einsatz müssen wir natürlich  die Ehrenamtlichen weiterqualifizieren, etwa im Bereich Kommunikation, als Märchenerzähler, in Clownerie“, nennt Dirksmeier Beispiele. Wer sich heute ehrenamtlich einsetze, wolle auch selbst profitieren und sich persönlich weiterentwickeln können.

Zusammenarbeit von Jung und Alt

Das sieht auch Birgit Rövekamp so. „Jemand persönlich anzusprechen und um Mitarbeit zu bitten, reicht oft nicht mehr aus. Und am Caritas-Sonntag im September kommen ohnehin nur jene zusammen, die sich eh engagieren. Damit Menschen neu mitmachen, muss die Arbeit attraktiv sein.“ Schulungen seien da eine Option.

Lena Dirksmeier sieht in der besseren Vernetzung von Ehrenamtlichen eine weitere Chance, Nachwuchs zu rekrutieren: „Etwa wenn die Engagierten von Young-Caritas, der Gemeindecaritas und Flüchtlingshilfe stärker zusammenfinden“.

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