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„Gäbe es ein Christen-Gen, es hieße Beweglichkeit“

Was Pilgern mit Heimatliebe zu tun hat

Leben, wo sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen: Landleben ist voll im Trend, Heimat ein wiederentdeckter Schatz. Steckt dahinter die Sehnsucht nach heiler Welt? Die Bibel erzählt eher von Menschen, die ständig unterwegs waren. Ist der Weg also das Ziel?

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Leben, wo sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen: Landleben ist voll im Trend, Heimat ein wiederentdeckter Schatz. Steckt dahinter die Sehnsucht nach heiler Welt? Die Bibel erzählt eher von Menschen, die ständig unterwegs waren. Ist der Weg also das Ziel?

Das Ziel jeder Pilgerreise ist es heimzukehren. Das gilt nicht nur für Wallfahrten, das stimmt auch bezogen auf jede andere Reise, nicht zuletzt die in den Urlaub. In andere Landschaften, andere Länder mit anderen Sprachen und Kulturen aufzubrechen und dort eine Weile in der Fremde zu leben – das kann den Horizont weiten. Aber das heißt auch: die gewohnte, hoffentlich geschätzte Umgebung zu verlassen. Das muss man können: loslassen. Zumindest hilft die Bereitschaft, es zu versuchen, es zu erlernen.

Und wenn es gut geht, heißt es am Ende der Reise: „Ich freue mich richtig auf zu Hause!“ Nicht weil es in der Fremde so schrecklich war oder zu heiß oder das Hotel so schlecht, sondern einfach, weil es jetzt gut war. Und weil das Zuhause eben das Zuhause ist. Da gehöre ich hin. – Eine wunderbare Erkenntnis.

Stolz auf die Heimat

Mich hat es immer schon ein bisschen stolz gemacht, dass meine Heimat, das Münsterland, offenbar so schön ist, dass viele Menschen aus ganz Deutschland und darüber hinaus hierher kommen, um Urlaub zu machen. Und je älter ich werde, desto mehr lerne ich, der ich definitiv gern verreise, meine Heimat lieben. Konkreter: meine Scholle, mein Zuhause. Ich bin angekommen.

Sesshaft zu sein – in der Bibel ist merkwürdigerweise eher vom Gegenteil zu lesen. Das geht schon ganz am Anfang los, als Adam und Eva aus dem Paradies vertrieben werden. Das geht weiter bei Abraham, der seine Heimat Ur in Chaldäa verlassen und losziehen soll in ein Land, von dem er nur weiß, dass Gott es ihm zeigen wird. Ähnlich erging es Mose, der im ägyptischen Exil geboren wird, schließlich 40 Jahre durch die Wüste zieht und nur einen Blick aus der Ferne ins Gelobte Land werfen darf, bevor er stirbt.

Handelsreisende in Sachen Glauben

Im Neuen Testament begegnen uns Jesus und seine Jünger fast ausschließlich wandernderweise; Jesus musste sogar schon als Kind fliehen. Paulus war ständiger Handelsreisender in Sachen Glaubensverkündigung.

Und die Kirche selbst versteht sich bis heute als „wanderndes Gottesvolk“, immer unterwegs, stetem Wandel verpflichtet. Gäbe es ein Christen-Gen, Beweglichkeit gehörte zum Erbgut.

Heimat wirkt da merkwürdig weit weg: das Paradies, das gelobte Land, eine Wohnung im Himmel. Und der nächste Denkschritt ist nicht weit: Hier auf der Erde haben Christen eigentlich nicht ihren Platz. Hier bleiben sie Fremde. Hier haben sie „keine bleibende Stadt“, wie der Hebräerbrief sagt, „wir suchen die künftige“ (Hebr 13,14).

Ende des Abendlands?

Christen waren zu allen Zeiten bis heute gefährdet, deshalb die Welt, in der wir leben, schlecht zu reden. Und immer wieder konnten und können sie ziemlich genaue Anzeichen dafür ausmachen, dass alles den Bach runtergeht und das Ende wenn schon nicht der Welt, so doch mindestens des Abendlands nahe ist. Das aber bringt bestenfalls Schockstarre, das lähmt und hat mit der Beweglichkeit vieler Glaubens- und Kirchenbilder nichts zu tun.

Sich auf die eigene sichere Scholle wie Noah auf seine Arche zu flüchten und die Schotten dichtmachen, weil ringsum angeblich die Welt untergeht, das wäre überängstlich und hätte wenig zu tun mit christlicher Gelassenheit und Schöpfungsliebe.

Das Beispiel der Eichen von Mamre

Dennoch: „Bleiben“ – das ist biblisch ein ganz hoher Wert. An einem konkreten Ort festmachen wie Jakob, der den Ort seiner Gotteserfahrung salbt und ihm einen Namen gibt – das heiligt eben nicht nur das Unterwegs-Sein, sondern auch das Da-Sein. Und nur wer zu Hause ist und das auch wertschätzt, kann Menschen aufnehmen, kann gastfreundlich sein wie Abraham, der in drei Männern letztlich Gott beherbergt. Den Ort nennt die Bibel ausdrücklich: „bei den Eichen von Mamre“.

Bleiben und Unterwegs-Sein – diese Spannung prägt die Bibel, sie prägt jedes Leben. Und es sagt politisch viel für unsere Zeit, die voller Völkerwanderungen einerseits und voll Wiederentdeckung der Heimat andererseits ist. Nicht ohne Grund hat Gott sich für uns den Namen „Immanuel“ gegeben: „Gott ist mit uns.“ Eine Heimat, die begleitet.

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