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Schwester Katharina Kluitmann über eine Umfrage der Deutschen Ordensobernkonferenz

Wie ernst nehmen die Klöster Missbrauchsaufklärung?

In welchem Maß hat es sexuellen Missbrauch auch in deutschen Klöstern gegeben? Über Ergebnisse einer Umfrage hat "Kirche-und-Leben.de" mit Schwester Katharina Kluitmann aus Münster gesprochen. Sie leitet die Deutsche Ordensobernkonferenz.

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In welchem Maß hat es sexuellen Missbrauch von Kindern und Schutzbefohlenen auch in deutschen Klöstern gegeben? Das hat die deutsche Ordenobernkonferenz (DOK) die 392 Gemeinschaften gefragt. Die Antworten aus 291 Klöstern decken 88 Prozent der Ordensleute ab. Über die Ergebnisse hat "Kirche-und-Leben.de" mit der DOK-Vorsitzenden, Schwester Katharina Kluitmann von den Lüdinghausener Franziskanerinnen, gesprochen.

Schwester Katharina, laut Ihrer Studie leben bis heute 95 Missbrauchs-Beschuldigte in ihren Gemeinschaften. Völlig unbehelligt?

Vorab: Wir haben keine Studie gemacht, sondern die Mitglieder der Deutschen Ordensobernkonferenz befragt. Wir haben sie etwa gefragt, wieviele Mitglieder beschuldigt wurden. Dabei kam heraus, dass es gegen rund 650 Ordensmitglieder Beschuldigungen gibt. Die allermeisten, nämlich 80 Prozent, sind bereits verstorben. Einige haben ihre Gemeinschaften verlassen, einige sind noch in den Gemeinschaften. Wir gehen davon aus, dass es viel besser ist, wenn Missbrauchs­­täter – wenn es denn Täter und nicht Beschuldigte sind – nach Abschluss etwa von richterlichen Strafen in einer Gemeinschaft mit entsprechender Kontrolle leben als irgendwo draußen. 

In 907 Fällen wurde die Staatsanwaltschaft laut Ihrem Bericht nicht eingeschaltet. Wie kann das sein?

Wie gesagt: 80 Prozent sind bereits verstorben. Darüber hinaus gibt es immer wieder Betroffene, die ausdrücklich nicht wünschen, dass die Gemeinschaften die Staatsanwaltschaft einschalten. Zudem gibt es Fälle, die womöglich übergriffig, strafrechtlich allerdings nicht relevant sind. Das sagt natürlich nichts darüber aus, wie gravierend solches Verhalten für den Betroffenen war. Wir empfehlen den Ordensgemeinschaften, auch bei angenommener Verjährung den Vorgang stets durch die Staatsanwaltschaft überprüfen zu lassen.

In 765 Fällen wurden Zahlungen von rund 4,3 Millionen Euro geleistet, im Durchschnitt 5500 Euro. Woher stammt das Geld?

Anders als bei den Bistumspries­tern haben Ordensangehörige für gewöhnlich kein eigenes Geld. Daher leisten die Ordensgemeinschaften diese „Zahlungen in Anerkennung des Leids“ aus dem Geld, das sie zur Verfügung haben – nicht jedoch aus Kirchensteuermitteln. 

Zwei Drittel der Gemeinschaften, die sich an der Umfrage beteiligt haben, geben an, nie mit Vorwürfen zu Missbrauchsformen zu tun gehabt zu haben. Was vermuten Sie an Gründen?

Nun ja, es soll auch Familien und Vereine geben, in denen kein Missbrauch vorgefallen ist. Ich erkläre mir das so, dass es tatsächlich Gemeinschaften gibt, in denen es keinen Fall gegeben hat. Denken Sie beispielsweise an streng klausurierte Orden mit einem Gitter im Sprechzimmer, wo die Wahrscheinlichkeit eines Missbrauchs von Kindern oder Schutzbefohlenen relativ gering ist. Die Gemeinschaften insgesamt haben sehr unterschiedliche Tätigkeiten mit unterschiedlichen Kontakten. Zudem sind 167 der 191 Gemeinschaften ohne Missbrauchsvorwürfe Frauengemeinschaften, was durchaus zu der Erkenntnis passt, dass sexueller Missbrauch häufiger von Männern verübt wird.

Nur die Hälfte der Gemeinschaften, die Vorwürfe gemeldet haben, haben die Personalakten gesichtet. Wie glaubwürdig sind dann die Nennungen?

Schwester Katharina KluitmannSchwester Katharina Kluitmann ist Provinzoberin der Franziskanerinnen von Lüdinghausen, Theologin und Psychologin. Seit 2018 steht sie als Vorsitzende der Deutschen Ordensobernkonferenz vor, die 13.500 Ordensschwestern und 3.500 Ordensmänner vertritt. | Foto: Michael Bönte

Die Frage setzt voraus, dass eine Oberin oder ein Oberer überhaupt Kenntnisse durch die Personalakten erlangen würde. Das halte ich für die Ausnahme. Es kann natürlich sein, dass bei der Durchsicht länger zurückliegende Fälle auffallen. Aber es gibt da keine Standards – daran arbeiten wir gerade zusammen mit der Bischofskonferenz. 

Viele der Fälle sind ohnehin in den letzten zehn Jahren aufgefallen. Da muss man nicht in die Akten schauen, das weiß man aus Protokollen und aus der Erinnerung. Wir ermutigen die Gemeinschaften allerdings, die Personalakten durchsehen zu lassen. Wie effektiv das wäre, wissen wir nicht. 
Es ist aber auch so: Von den rund 400 Gemeinschaften haben ein Viertel weniger als zehn Mitglieder und die Hälfte zwischen zehn und 50 Mitglieder. 

Wenn Sie dann noch bedenken, dass die Frauengemeinschaften, die ja den größten Teil ausmachen, ein Durchschnittsalter von über 80 haben und die Männer von um die 70, dann wird schnell klar: Es liegt nicht nur am guten Willen, sondern schlichtweg an den Möglichkeiten.

Nicht nur Männer, sondern auch 281 Schwestern wurden mit Missbrauchs-Vorwürfen in Verbindung gebracht. Wie erklären Sie sich das?

Es gibt auch Frauen, die sexuellen Missbrauch verüben. Statistisch in geringerem Maß als bei Männern, aber, ja, das gibt es. Man muss auch bedenken, dass die Frauen den weitaus größeren Teil der Ordensleute ausmachen und ihr Anteil an Beschuldigten oder Tätern entsprechend gering ist. Zudem haben wir nicht nach einer bestimmten Zeitspanne gefragt.

Warum nicht?

Das Ziel der Umfrage war es, einen Überblick darüber zu erhalten, wie die Gemeinschaften insgesamt mit dem Thema Missbrauch befasst sind. Wir wollten schauen, wo Unterstützung oder Anstoß nötig ist. Insofern sind auch die Zahlen, die sich aus der Befragung ergeben, aus statistischer Sicht nicht durchweg aussagekräftig.

Fast die Hälfte der Ordensfrauen und nahezu drei Viertel der Ordensmänner, die selber Missbrauch erfahren haben, mussten dies im kirchlichen Kontext erleben. Trotzdem gehen Sie nicht darauf ein, wie sehr das „System Kloster“ mit seinen Gelübden Keuschheit und Gehorsam sexuellen Missbrauch begünstigen kann. Kritische Selbstreflexion sieht anders aus …

Damit unterstellen Sie, dass der kirchliche Kontext auch der klös­terliche Kontext ist. Die Missbrauchserfahrung kann aber auch vor dem Klostereintritt gewesen sein. Bei der Altersstruktur ist es zudem wahrscheinlich, dass vieles gerade bei den Schwestern im Kriegs- und Vertreibungskontext passierte – sowohl in dem, was ihnen selbst widerfahren ist als auch in dem, was sie sehen oder hören mussten. Aber darüber hinaus werden wir uns noch im Herbst bei einer Tagung mit Missbrauch und Gelübden beschäftigen. Ordensleute sind zudem sehr engagiert in der Erforschung von geistlichem Missbrauch. In der Umfrage aber ging es um Fakten, nicht um eine theoretische Reflexion darüber, wie unsere Lebensform Missbrauch begünstigt.

Vor zehn Jahren war es ein Ordensmann, Jesuitenpater Klaus Mertes, der den Missbrauchsskandal der katholischen Kirche in Deutschland aufgerollt hat. Wie erklären Sie sich, dass zehn Jahre später drei Viertel der Ordensgemeinschaften kein institutionelles Schutzkonzept haben, nur sieben von 100 Ordensgemeinschaften eine Studie zur Aufarbeitung hat durchführen lassen und ganze zwei Gemeinschaften einen Gedenkort geschaffen haben?

Manche Klöster haben keine Institutionen, die ein Schutzkonzept erfordern. Man kann sich fragen, ob es diese Konzepte nicht auch zum Schutz alter und pflegebedürftiger Ordensangehöriger geben müsste. Natürlich ist da weiter etwas zu tun, sodass wir in der DOK eine Zehn-Prozent-Stelle in Sachen Prävention auf eine mindestens 50-Prozent-Stelle erhöhen, um verstärkt zu unterstützen oder auch nachzuhaken. Aber wir sind in der DOK und auch in den Gemeinschaften personell und finanziell nicht so aufgestellt wie etwa in Generalvikariaten. Mit einem Workshop im Herbst wollen wir die Klöster gleichwohl ermutigen, an eine unabhängige Aufarbeitung he­ranzugehen. Der Bericht soll genau da helfen, Probleme wahrzunehmen und anzugehen.

Wieso gibt es dafür keine finanzielle Unterstützung etwa durch die Bischofskonferenz?

Das müssen Sie die Bischofskonferenz fragen.

Wie geht es weiter? Was sollen und können die Zahlen bewirken?

Die Zahlen schaffen Bewusstsein in den Gemeinschaften. Einige haben dadurch erkannt, wo sie noch Hausaufgaben zu erledigen haben. Für die DOK erhoffe ich mir mehr Klarheit, wem wir helfen können. Wir wollten bewusst mit diesem Bericht an die Öffentlichkeit gehen, damit alle auch in der Kirche wissen, was Sache ist. Das ist kein schöner Bericht, das wissen wir. Aber wir haben uns entschieden, diese Transparenz zu leben. Ich gehe davon aus, dass wir daraus lernen. Denn wir sind davon überzeugt: Die Gesellschaft braucht die Kirche, und die Kirche braucht die Klöster.

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